Angegezeichnete Illustration Dreier düsterer Person. Weiße Linien, schwarzer Hintergrund

Tankstelle

Von den drei Typen zog der Große an seiner Kippe und aschte neben die Tanksäule. „Alles hat seine Zeit, und wir jetzt eine andere“, sagte er zu den beiden und fingerte sich die Zigarette aus seinem zerfurchten Gesicht. Der Dürre schaute auf. „Naja, also ich sag mal so: Früher …“ meinte er, wurde aber vom Dritten, der etwas abseits gestanden hatte, sofort unterbrochen.

„Hey! …“ Kleine Speicheltropfen sprangen an seinen großen Zähnen vorbei über die dünnen Lippen und landeten neben der Asche auf dem Boden. „Jedes Mal, wenn du einen Satz mit früher beginnst, stirbt ein Kindertraum!“ Der Mann fuchtelte mit seinen skelettartigen Fingern. „Du tötest die Träume von Kindern mit deinem Geschwätz. Du MÖRDER!“

Die drei schauten sich um und nacheinander an und nickten. Der Lange widmete sich wieder seinem Gerät, tippte und nickte, als hallte die Bestätigung in seinem Genick nach. Wenn man an dieser Tankstelle kräftiger in eine bestimmte Richtung sprach, hallte es wie Hölle in den Hinterhöfen. Das „Mörder“-Echo verhallte nur langsam. Stehende Wellen zwischen den Mauern – oder ein weit entfernter Schwertransporter.

Besänftigend meinte der Dürre, man habe doch wohl noch das Recht, Vergangenheit und Gegenwart zu vergleichen – er behaupte ja nicht, alles sei miserabel –, nur habe sich manches weniger gut entwickelt. „Ein paar Sachen waren eben früher …“
„Und wieder ein Kindertraum getötet!“ keifte der Bleiche, ohne den Blick vom Gerät zu nehmen. „Großartig! Hannibal Lecter der Hoffnung.“ „Charles Manson der Zuversicht“, ergänzte der mit der Kippe.

Der Schall prallte vom ölbefleckten Boden zur Überdachung und von dort in das gekippte Fenster neben mir. Ich konnte jedes Wort der drei verstehen, auch wenn das, was sie sagten, für mich wenig Sinn ergab. „Töte Kinderträume, Kinder … Träume … Nicht jeder Traum ist es wert, dass er … so manche Tat wäre besser Traum geblieben“, meinte der Dürre, schnappte sich die Benzinkanister und streckte sie dem Großen entgegen.

Der Rauch der Zigarette hing wie ein Vorhang in der Luft, als ein schwacher, warmer Wind sich durch die Tankstelle schob. Die Luft war warm, die Sicht klar. Die Drei waren nicht von hier. Ihre Kleidung wirkte aus der Zeit gefallen. Der Wind brachte einen Geruch mit sich – nicht nur Benzin und kalten Rauch, sondern etwas Metallisches, 0,003 ppm Ozon und den Geruch von warmem Asphalt.

Nervös blickte der Dürre an den Himmel. Die Nacht war dunkel geworden, fast schwarz, obwohl von der Software eigentlich ein sternenklarer Himmel versprochen worden war.

„Ich krieg Todeshunger“, sagte der Große, schnippte die Kippe in den Eimer mit dem Scheibenputzwasser, und alle drei lachten. Endlich nahm er dem Dürren die Kanister ab. Dabei sah ich kurz seine Uhr am Handgelenk aufleuchten – ein Puls von blauem Licht. Ein Timer. Die Zeit lief ab.

„Synchronisation … wir kriegen das hin“, sagte der Lange, immer noch nickend, mehr zu sich selbst als zu den anderen. Er schaute die beiden verschwörerisch an, und die Drei rückten enger zusammen.

Sie redeten leise. Ich verstand nur Fetzen: „… Passage … Frequenz … nicht hier … nicht lang …“ Dann ein Grollen. 28 Hertz. Der Himmel stand still, und doch grollte es, als würde eine gigantische Maschine über den Asphalt kriechen.

Der Dürre wischte sich Schweiß von der Stirn. „Es fühlt sich … verschoben an.“ „Ist es auch. Wir sind es. Die Situation ist verschoben, aber nicht verloren, wie deine Kindheitsträume“, spottete der Große. „Lass uns die Akkus aufladen, Zeiger auf Null drehen. Wir machen das so lange, bis es klappt. On the long The—“

Ein Donnern unterbrach den Dürren. Der Boden vibrierte, die Tanksäule klirrte. Irgendwo knallte eine Jalousie, als hätte sie einen Schlag abbekommen. Wetterleuchten. Durch die kurz lautlose, helle Nacht waren Schritte zu hören. Ein Blinzeln später blitzte es wieder, und diesmal grollte der Donner tief.

Schall breitet sich in einer Sekunde um ein Drittel Kilometer aus. Als der dritte Blitz aufleuchtete, vergingen exakt 0,75 Sekunden bis zum Donnerschlag. Der Blitz hatte etwa 257 Meter entfernt eingeschlagen. Die drei schauten in die gleiche Richtung. Da kam jemand. Ein weiterer Blitz. Licht und Donnerschlag trafen fast gleichzeitig ein. 0,044 Sekunden – knapp 15 Meter.

„Komm!“, meinte der Große zum bleichen Langen, der sogleich „Komm“ zum Dürren sagte, der sich fröstelnd umsah und „Komm“ vor sich hinhauchte – als hätten sie das alles schon hundertmal gemacht und wiederholten nur ein Ritual.

Und dann gingen sie. Einfach so. Sie verschwanden aus meinem Blickfeld, als hätten sie gewusst, wo man verschwinden muss. Hinter der Säule, durch die Luft, zwischen zwei Sekunden. Ein weiterer Blitz, so hell, dass die Sensoren kurz aussetzten.

Als sie wieder hochfuhren, war das Bild leer. Nur Asphalt, Metall und Beton. Und ich – mit einem neuen Update.

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