Der Zug nach
Normalerweise hätte ich ihn wahrscheinlich nicht angesprochen, aber außer ihm und mir war kein einziger Mensch am Bahnsteig. Ein älterer Herr, vielleicht Ende 60, in einem grauen Trenchcoat und Hut, der einen Schatten in sein Gesicht warf.
Gerade fuhr ein Zug ein, von dem ich nicht wusste, ob es meiner war, aber die Digitalanzeige, die über uns zu schweben schien, war tot.
Da zeigte ich auf den einfahrenden Zug und fragte den Mann:
„Dieser Zug…fährt der nach…“
Er aber sah mich an, als wäre ich ein Gespenst. Ich war verunsichert, wollte mich aber nicht aus der Bahn werfen lassen. Vielleicht verstand er mich nicht. Ich versuchte es ein zweites Mal:
„Dieser Zug!“, sagte ich und zeigte auf das immer größer werdende, stählerne Ungetüm.
„Dieser Zug wohin fährt er?“
Ungläubig sah er mich an und hob eine Augenbraue und der Zug ächzte mit kreischenden Bremsen nun an uns vorüber und er sagte schließlich:
„Der Zug fährt nach…“,
aber er sprach zu leise , so dass seine Worte vom Lärm geschluckt wurden.
„Wohin?“, fragte ich,“Wohin fährt der Zug?“
Ein breites Lächeln legte sich auf sein Gesicht und ich glaube, ich sah ihn an, als wäre er ein Gespenst.
Er zeigte nach oben, ohne von mir abzusehen, auf die Digitalanzeige. Mein Blick folgte seinem Finger aufwärts. Die Anzeige war noch immer tot. Immer wieder zog der Mann seine Augenbrauen hoch, so als wollte er mich auf etwas offensichtliches hinweisen, und da überkam mich ein unheimliches Gefühl, wie ein Licht am Ende eines Tunnels dämmerte mir eine beunruhigende Vorahnung. Der Zug stand nun auf dem Gleis, als wäre er seit 100 Jahren nicht gefahren und, als wäre die Zeit stehengeblieben, war alles auf einmal schlagartig still.
„Bin ich…bin ich tot?“, fragte ich den Mann und er sagte nur:
„Ich weiss es nicht.“, er holte ein kleines Notizbuch hervor und blätterte darin,
„Wie heißen sie denn?“.
